Fatbikes: Breitenwirkung

Dez 07, 2012 0 Kommentare von

Reifenbreiten jenseits drei Zoll – „Drüberfahren, Durchwühlen, Lächeln…“

Von Gunnar Fehlau, Gerolf Meyer, H. David Koßmann

02.12.2012 – Noch drei Tage bis zum Wochenende. Vorfreude wabert durch meinen Körper. In den Beinen spüre ich schon das Laktat. Das Kopfkino startet im Panorama-Format: Der unberührte Pfad ist mit seichten Kurven in die Landschaft gelegt, folgt der Topographie bis zur Anhöhe, und schneidet den Wald dort entzwei. Hoffentlich schneit es heute Nacht noch einmal…

Noch vor wenigen Wochen hätte ich diesen Satz ohne das Wort „nicht“ weder denken noch sagen können. Schnee war bis dahin der Antichrist unter den Fahrbahn-Belägen für Radler. Seit ich nun ein Fatbike habe, habe ich den Winter entdeckt. Wenn die Bremsscheiben bis zur Hälfte im Schnee versunken sind, dann schlägt mein Herz höher. Davon kann ich nicht genug bekommen…

Das Phänomen „Fatbike“

verbindet die Begriffe Mühe und Freiheit besser als jedes andere Rad. Die Freiheit, mit dem Fatbike die Strecken und Ziele so unbekümmert wie mit keinem anderen Rad wählen zu können, birgt aber auch Mühen in sich. Schließlich ist das Fahren auf Schnee und Sand auch mit einem Fatbike nicht unschwer – wird aber überhaupt erst möglich. Die Anstrengung allerdings, die steht auf einem anderen Blatt.

Das Fatbike fordert (und fördert!) den kompletten Fahrer, der Untergrund, Vortrieb, Tempo, Fahrzeit, Navigation und Witterung dynamisch austarieren kann. Wem das gelingt, der dringt mit dem Fatbike in neue Regionen vor. Das darf durchaus gleichermaßen geografisch und emotional verstanden werden. „Das Befahren von wegelosen Regionen, die bisher nur mit vielen Mühen und Schieben erreicht werden konnten“, beschreibt Andreas von Heßberg, Rad-Abenteurer aus Franken, den Reiz der Fatbikes.

Ob „Great Divide Race“-Initiator Mike Curiak, „Revelate“-Taschenmacher Eric Parsons, der tschechische Endurance-Biker Jan Kopka, der Kilometerfresser Rainer „Kingcrab“ Klaus oder Angestellte der Titanschmiede Moots – sie alle schwärmen von der Freiheit, die Fatbikes erlauben: „Diese Räder bringen dich überall hin“, erklärt Moots-Mitarbeiter Jon Curveau eindeutig mehrdeutig.

Der Fatbike-Durchbruch begann

mit dem Modell „Pugsley“ der amerikanischen Singlespeed-Schmiede Surly. Das Rad kam 2005 auf den Markt – ein Teilbaukasten aus Rahmen, passenden Gabeln, abgestimmten Felgen und den notwendigen Reifen samt Schläuchen und Felgenband. Eine „Verbundleistung“, die wohl keine andere Firma so hätte bringen können.

Die blanke Existenz dieses Rades, gepaart mit einem vertretbaren Preis, einer perfekten Verkaufs-Logistik und dem breiten Zugang zu potentiellen Zielgruppen stabilisierten das Produkt bereits vor Markteintritt. Der Virus war im Umlauf!

Oft ist es so, dass Technologie aus dem Sport in die Alltagswelt wandert. Im Falle des Fatbikes allerdings gab es die passenden Rennen, bevor es die Räder gab.

Das „Iditarod Invitational“ ist ein Winter-Rennen,
das seit 1987 in Alaska stattfindet: Schneeschuhläufer, Skilangläufer und Mountainbiker messen sich über die Distanz von 350 Meilen (560 km) von Anchorage nach McGrath – fernab des Straßennetzes. Anfangs mussten sich die Biker damit begnügen, die breitesten erhältlichen Reifen (kaum 2,5 Zoll) auf ebensolche Felgen (ca. 40 mm) zu ziehen.

Mit der 44 mm breiten Felge „SnowCat Rim“ von Simon Rakower gab es seit Ende der Neunziger eine erste extrabreite Felge, die ein Maximum an Auflagefläche aus den schmalen Reifen holte, ohne dass spezielle Rahmen/ Gabeln notwendig waren. Damit kamen die Fahrer zwar auf fest getretenem und eisigem Untergrund einigermaßen zurecht.

„2003 stand ich das erste Mal an der Iditarod-Startlinie – und um mich herum die kuriosesten Maschinen. Alles Selbstbau!“, erinnert sich der tschechische Ultra-Marathonist Jan Kopka. Nach den ersten Schnee-Rädern mit Zwillingsbereifung (!) wurden mehr und mehr spezielle Rahmen, Felgen und Reifen entwickelt, und mit anderen exotischen Bauteilen zu immer funktionelleren Snowbikes zusammengefügt. Kopka weiter: „Die ersten Serienräder tauchten 2007 beim Iditarod auf. Es begann sich ein industrielles Interesse zu entwickeln.“

Die breiten Reifen sind ein Kind des Winters,

doch gleichsam der Zwangsläufigkeit, mit der die Jahreszeiten aufeinander folgen, wurden die Snowbikes auch im Rest des Jahres benutzt. Dabei zeigte sich, dass sie auch vorzüglich auf morastigem und sandigem Boden funktionieren. Immer öfter tauchten die Snowbikes in Blog-Einträgen, Foren-Threads und Youtube-Videos als Wüsten- , Strand- und Sumpf-Räder auf.

Die Anwendung der Räder hatte sich längst verselbstständigt, von Schnee, Winter und Frost emanzipiert. Die Szene einigte sich auf den Begriff Fatbike, rückt er doch das Konstruktionsprinzip in den Mittelpunkt, und gibt keine engstirnige Anweisung zur Nutzung vor.

Dem Fatbike wohnt etwas Spielerisches inne.

Man kann sich sogar zu der Behauptung aufschwingen, dass dieses Gefährt ohne den spielerischen Ansatz heute nicht dort wäre, wo es ist. Es ist so vergnügt tiefen-entspannt, dass es nicht mal auf die standesgemäße Ansprache „Fahrrad“ Wert legt.

Das Fatbike ist schlicht eine der unverbissensten Radgattungen, die wir kennen. Kein Versprechen von Leistung, Geschwindigkeit, Coolness, Freshness und Style. Drüberfahren, Durchwühlen, Lächeln, fertig. Diese Haltung zeigt sich auch und vor allem in den Namen, die den Fatbike-Kosmos bevölkern: Pugsley, Moonlander, Clown Shoe Rim, Mukluk, Larry, Big Fat Sheba – das alles kommt mit einem Augenzwinkern daher.

Das Fatbike kokettiert

mit seinem clownischen Charakter, um dann zumindest einen Teil der Angefixten mit einem bereichernd universellen Fahrverhalten zu belohnen, und Grenzen zu verschieben. „Das ist ja das Geile: Die Dinger rollen auf der Straße erstaunlich gut. Alles Gelaber, dass die Dinger nicht rollen, das ist alles Quatsch. Und berghochzu im Wald ist es eh geil, weil du überall drüber rollen kannst. Je nach Aufbau ist das Ding total universell, auch als Reisewaffe”, sagt Robert Krügel, Mitglied der Dresdner Rad-Crew „Karl Ranseier Raubelwalzer Quintett”.

Alles geht mit diesem Rad,
meint auch Jürgen „Mahatma“ Clemen von der Dresdner Fatbike-Brigade: „Es gibt ja so gut wie kein Gelände, in dem sich die diggen Dinger nicht wohl fühlen würden. Sand, Strand, Schlamm, Schnee, ruppiges Gelände, Freeride- und Downhillstrecken, mit diesen Bikes ist alles fahrbar.“ Lediglich die Asphalteignung der schweren Geräte schränkt Jürgen ein: „Hier merkt man dann doch schon einen gewissen Rollwiderstand. Aber dafür rollen sie abseits der Wege noch, so richtig im Unterholz, wenn alles andere schon abgestiegen ist und schiebt.“

Ob das Fatbike eine breite Spur
bis in den Mainstream legen wird? Am Ende ist ein Mutmaßen darüber müßig – und letztlich irrelevant. Die Bike-Szene kann sich freuen, dass ein bereichernder Sprössling keimt. Wenn er schlau ist, ist es ihm egal, ob er adoptiert, adaptiert oder ignoriert wird. Momentan scheint der Produkt-Nachschub reichlich gesichert, um die Dünen, Schneewege, Polar-Regionen und Sandgruben zu erobern. Und natürlich: Auch vertraute Trails ganz neu zu erleben.

Die Autoren
sind Redakteure/ Herausgeber des neuen Radkultur-Magazins „fahrstil“, das sich mit aktuellen Trends der Szene aus einem meist etwas anderen Blickwinkel beschäftigt. Jedes Heft widmet sich einem speziellen Thema; in der aktuellen, kürzlich erschienenen Nummer acht geht es um „Haltung“ (mehr dazu unter unserem ersten Link). 

radsport-aktiv.de

 

 

Allgemein, Mountainbike, News, Rund ums Training
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