Faszination Radsport aus orthopädischer Sicht

Jul 11, 2012 1 Kommentar von

RADFAHREN GEGEN DEN ZEITGEIST

Im Zeitalter zunehmenden Bewegungsmangels, PS-Protzerei auf zwei oder vier Rädern,

Bequemlichkeit und Reizüberflutung suchen immer mehr Menschen nach Wegen das

Gleichgewicht von Körper, Seele und Geist wiederherzustellen.

Eine echte Alternative liegt in der sportlichen Betätigung auf dem Fahrrad. Aus diesem

Grunde erfreut sich der Radsport in Deutschland seit mehr als 2 Jahrzehnten zunehmender

Beliebtheit: Tausende begeisterter Radsportler nehmen an Radmarathons teil. Bei

Weltcuprennen, zum Beispiel in Hamburg, fahren im Vorfeld 15.000 Hobby-Sportler auf der

Strecke der Profis. In den Dolomiten werden Pässe für Freizeitradler für den Autoverkehr

gesperrt. Zur Förderung der Gesundheit und zum Schutze der Umwelt versuchen der Staat

sowie einige Krankenkassen die Menschen zu motivieren auf das Rad als Transportmittel

umzusteigen. Trotz leerer Staatskassen wird das Radwegenetz ständig weiter ausgebaut.

Ferienregionen haben den Radsportboom erkannt und werben in Prospekten Traumtouren

in ihrer Region. Heerscharen reisen im Winter auf Mittelmeerinseln ins Trainingslager.

Tausende Mountainbike-Fans erliegen jährlich der Faszination mit dem Bike über die Alpen

zu fahren. Im Monat Juli verfolgten täglich Hunderttausende an den TV-Geräten das größte

Radsportereignis der Welt, die Tour de France.

 

WARUM RADFAHREN?

Kaum eine andere Sportart verbindet das Gefühl von Freiheit mit Freude an Geschwindigkeit

und Erleben der freien Natur. Nahezu jeder Mensch kann dies für sich in Anspruch nehmen.

In kaum einer anderen Sportart liegt ein so hoher gesundheitlicher Nutzen.

In unserer technisierten Welt, die zunehmend geprägt ist von High-Tech-Geräten, gibt es

auch im Radsport ein nicht zu unterschätzendes Phänomen: Die Begeisterung für die

Fahrradtechnik. High-Tech-Materialien und Formendesign sowie Markennamen haben

gelegentlich auch etwas Kultisches an sich.

 

RADFAHREN AUS ORTHOPÄDISCHER SICHT

Als Orthopäde und Sportarzt kann ich die positiven gesundheitlichen Aspekte des

Radfahrens nur begrüßen und unterstützen: Radfahren steht ganz oben auf der Liste

empfehlenswerter Sportarten. Dabei denke ich vor allem an Menschen, die nach langer

Bewegungsabstinenz wieder „etwas für sich tun möchten“. Bei Übergewicht ist Radfahren

neben Schwimmen und (Nordic) Walking die ideale Einstiegssportart. Auch eine kurze, aber

reglmäßig gefahrene 10 km-Runde in flachem Gelände ist ein Anfang!

 

RENNRAD, MOUNTAINBIKE ODER TOURENRAD – WAS IST AM GESÜNDESTEN?

Die geringsten Belastungen auf den Bewegungsapparat finden sich in aufrechter

Sitzposition auf dem Tourenrad. Dieser Fahrradtyp ist am besten für Menschen geeignet ,

die Fahrkomfort schätzen und aufgrund des Alters oder aufgrund von Veränderungen am

Bewegungsapparat die Sache etwas ruhiger angehen lassen wollen. Aber auch Rad-

Fernreisen mit einem Tourenrad z. B. entlang von Flüssen, wie dem Rhein, erfreuen sich

zunehmender Popularität.

Der Besitz eines schönes Rennrades ist der Traum eines jeden Radsportbegeisterten.

Gerade viele ältere Radsportler erfüllen sich irgendwann in ihrem Leben diesen Traum. Je

sportlicher allerdings gefahren wird, d.h., sich die Neigung des Oberkörpers nach vorne

verlagert, desto mehr nehmen die Belastungen an der Wirbelsäule, den Schulter- und

Handgelenken zu.

Beim Mountainbiken genießt man den Vorteil, weit ab vom Straßenverkehr in die Natur und

entlegene Regionen vorzustoßen. Speziell die Kombination aus Bergradeln und

Berggwandern hat ihren ganz besonderen Reiz. Allerdings kommt dabei als zusätzlich

einwirkende Kraft der meist grobe Untergrund mit den Erschütterungen besonders für den

Schulter-Nackenbereich und die Handgelenke belastend hinzu. Hier hat die Entwicklung von

Federgabeln und vollgefederten Bikes zu einer erheblichen Reduktion der Erschütterungen

und damit zu mehr Komfort geführt.

 

RADFAHREN UND ARTHROSE

Menschen mit fortgeschrittenen degenerativen Gelenkveränderungen profitieren von der

gelenkschonenden Belastung auf dem Fahrrad. Trotz einer fortgeschrittenen Arthrose an

Knie- und Hüftgelenken bleibt meist das Radfahren oft die einzige noch mögliche sportliche

Betätigung. Durch das Fahrrad bleibt auch die Mobilität erhalten, eine Tatsache, die bei

ansonsten erheblich eingeschränkter Gehstrecke der Betroffenen einen nicht zu

unterschätzenden Aspekt darstellt.

 

RADFAHREN NACH OPERATIONEN

Auch nach Operationen in der ersten Rehabilitionsphase ist das Fahrrad ein wichtiges

therapeutisches Hilfsmittel: Oft kann sogar vor Abschluß der Wundheilung und

Wiedererlangung der Gehfähigkeit mit einem moderaten Bewegungstraining auf dem

Heimtrainer/Ergometer begonnen werden. Zyklische, runde, achsgeführte Bewegungen

verbessern und fördern schonend die Gelenkbeweglichkeit. Die jeweilige Gelenkbelastung

an Hüft- Knie- und Sprunggelenken wird durch die entsprechende Trittkraft und Trittfrequenz

bestimmt und kann durch Sitzhöhe und Kurbellänge variiert und angepasst werden.

 

ÜBERLASTUNGSBESCHWERDEN DURCH RADFAHREN

Neben den genannten positiven Aspekten des Radfahrens können natürlich, wie in anderen

Sportarten auch, Überlastungsbeschwerden bis hin zu Überlastungsschäden durch

Radfahren auftreten. Im Folgenden seien einige typische Beispiele genannt:

Untersuchungen belegen, dass 70 Prozent der Radfahrer über Kreuzschmerzen und

Schmerzen an der Halswirbelsäule sowie Beschwerden im Schulter-Nackenbereich klagen.

Hierfür gibt es im Wesentlich zwei Ursachen: Erstens eine gestreckte, wenig aufrechte

Haltung auf dem Fahrrad. Zweitens eine untrainierte, durch chronische Fehlhaltung und

Fehlbelastung verkürzte und insuffiziente Rumpf – und Schulter-Nackenmuskulatur.

Eine durch überwiegendes Sitzen im Alltag verkürzte Muskulatur im Bereich der

Kniestrecker, führt beim Treten großer Übersetzungen zu einem erhöhten Anpressdruck im

Kniescheiben-Gleitlager. Damit sind längerfristig Kniebeschwerden vorprogrammiert.

Eine ungünstige Griffposition kann insbesondere beim Mountainbike zu unangenehmen

Taubheitserscheinungen an den Händen führen (sog. Ulnaris oder Karpaltunnel-Syndrom).

Eine vorhandene Fehlstatik der Füße (Hohl-Spreizfüße) verursachen bei falscher

Schuhauswahl oder fehlender Einlagenversorgung immer wieder Mißempfindungen und

Schmerzen unter der Fußsohle.

 

RADFAHREN UND RÜCKENSCHMERZEN

Allgemein gilt: Bei guter Muskelbalance steht der Mensch, bedingt durch die volle

Streckfähigkeit im Hüft- und Kniegelenk, ohne größere Muskelanspannungen wie ein Pfeiler

im Gleichgewicht. Zum Erhalt dieses Zustandes wird nur wenig Muskelkraft benötigt.

Ungünstige Haltungsideale nicht nur der Jugend mit vermehrtem Sitzen und einseitigem

Training stören das Kraft- und Elastizitätsgleichgewicht der Muskulatur. Gerät das statische

Gefüge aus der Balance, kommt es zu typischen Fehlhaltungen mit nach vorn gekipptem

Becken, Vorbeugung des Bauches, Hohlkreuzbildung und Rundrückenbildung mit nach

vorne geschobenem Hals sowie überstreckten Kopfgelenken. Die Muskeln verkürzen sich

und verkümmern. Durch mangelnde Durchblutung bilden sich schmerzhafte

Muskelverhärtungen (Myogelosen), die Gelenkknorpel, Sehnen und Bänder degenerieren.

Durch solche Haltungsstörungen können über den Verlauf von Jahren schwerwiegende

Erkrankungen des Bewegungsapparates resultieren. Warnsignale in Form von

Kopfschmerzen, muskulären Verspannungen im Schulter-, Nackenbereich, lokalen

Kreuzschmerzen mit Ausstrahlung in die Beine, Taubheitsgefühl und

Durchblutungsstörungen in den Extremitäten sollten ernstgenommen werden, da es

ansonsten zu einer dauerhaften, irreversiblen Schädigung des Bewegungsapparates

kommen kann.

Dies bedeutet für das Radfahren:

Die durch die ermüdete, verkrampfte und übersäuerte Muskulatur verursachten

Beschwerden wirken sich unter körperlicher Belastung auf dem Fahrrad (wieder in sitzender

Position) zunehmend negativ aus und verstärken sich kontinuierlich.

Im Gegensatz zu Beschwerden die durch Freizeitsport verschwinden, treten diese

Beschwerden beim Radfahren verstärkt auf. Somit klagt u. U. der Sportmuffel über weniger

Kreuzschmerzen als der engagierte Radsportler!

 

SCHMERZEN DURCH ORTHOPÄDEN ABKLÄREN LASSEN

Die Ursachen von Schmerzen am Bewegungsapparat sollten in jedem Fall durch eine

Vorstellung beim Orthopäden abgeklärt werden. So gibt es im Wesentlichen 3 Ursachen für

die Entstehung von Rückenschmerzen: In der Mehrheit der Fälle handelt es sich um eine

lokale muskuläre Überlastung u.a. als Folge von Muskeldysbalancen. Darüber hinaus

können Bandscheibenvorfälle/Vorwölbungen oder ein Verschleiß an den kleinen

Wirbelgelenken ein entsprechendes Schmerzbild verursachen. Durch eine körperliche

Untersuchung und bildgebende Untersuchungsverfahren kann in aller Regel die

Beschwerdeursache gefunden werden. Seit neuestem können wir mittels

Elektrodenableitung Muskelungleichgewichte und Spannungsstörungen aufdecken.

Gemeinsam mit dem Aktiven sollte dann die geeignete Ausübung des Radsports

besprochen und Empfehlungen zur Sitzposition etc. gegeben werden.

 

AUF KORREKTE SITZPOSITION ACHTEN!

Sollten Probleme am Bewegungsapparat bestehen, arbeiten Arzt und Fahrradfachhändler

idealerweise eng zusammen.

Eine entsprechende Fachberatung beim Kauf eines neuen Fahrrades oder der Umbau eines

bereits vorhandenen Fahrrades, was meist mit geringem finanziellen Aufwand möglich ist,

führt oft zu einem schnellen Rückgang der jeweiligen Beschwerden.

 

SCHMERZPRÄVENTION IM RADSPORT

Voraussetzung für gesundes Radfahren, das mag trivial sein, ist die richtige Auswahl des

Sportgerätes: Rahmengröße und Sitzposition haben entscheidenden Einfluss auf die

Belastung der Wirbelsäule, Knie-, Hüft- und Sprunggelenke sowie Handgelenke.

Je aufrechter die Sitzposition, desto geringer die Belastung der Wirbelsäule, Schulter- und

Handgelenke.

Um weiteren einseitigen Belastungen auf dem Fahrrad entgegen zu wirken, sollte nicht nur

der leistungsorientierte Radsportler ein regelmäßiges Ausgleichstraining durchführen! Hier

liegt jedoch meistens das Dilemma: Der Sportler bringt lieber noch ein paar Kilometer auf

den Tacho, als mit einem scheinbar langweiligen gymnastischen Übungsprogramm die

Rückenmuskulatur Wirbelsäule gezielt zu dehnen und zu kräftigen und damit ein

Muskelgleichgewicht (Muskelbalance) wieder herzustellen. Hier kann der Profisport mit

seinen vielfältigen präventiven Maßnahmen bezüglich einer umfassenden „Pflege“ der

Muskulatur ein großes Vorbild sein und Anregungen zur Nachahmung geben!

Das präventive Training ist deshalb nicht nur zur Vermeidung von Herz-Kreislauf-

Krankheiten sondern insbesondere auch zur Vermeidung von Krankheiten des

Bewegungsapparates sehr wichtig. Denn ohne einen gut funktionierenden

Bewegungsapparat kann ein umfangreiches und freudvolles Training nicht durchgeführt

werden.

Die wichtigste Auswirkung einer guten Muskelbalance ist jedoch, daß der Sportler den

richtigen Körperumgang für sein ganzes Leben erlernt und so der Entstehung von

Krankheiten des Stütz- und Bewegungsapparates vorbeugt. Die Motivation des Sportlers für

Änderungen von Fehlern in der Muskelbalance muß geweckt werden. Wenn der Sportler die

Notwendigkeit der Änderungen nicht einsieht, sind auch keine guten Resultate zu erwarten.

Der Sportler ist persönlich verantwortlich für die Durchführung der Änderungen.

Wenn die richtige Auswahl der Sportgerätes und eine entsprechende allgemeine körperliche

Fitness zusammen treffen, ist die Freude am Radfahren bis ins hohe Alter garantiert.

(Dr. med. Maximilian Meichsner, Orthopädie, Sportmedizin, Bad Tölz)

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1 Kommentar to “Faszination Radsport aus orthopädischer Sicht”

  1. bikekomnet says:

    Etwas Textlastig aber unbedingt lesenswert!
    VG, Dieter

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